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SlowFoodMagazin 02/2011
 

Interview mit Reinhard Löwenstein

 

Terroir. Sie sind der Vorreiter und Initiator der Terroirbewegung in Deutschland. Könnten Sie kurz erläutern: Was ist Terroir und warum ist das der Dreh- und Angelpunkt des Weins?

 Was ist Glück, was ist Tradition, was ist Heimat? Auch der Begriff Terroir ist unklar, nebulös und bietet eine große Projektionsfläche. Gerade aus diesem Grund ist er wie kein anderer geeignet die kulturelle Gegenbewegung zum modernen fast-food Wein zu beschreiben. Kultur passt weder in mathematische Formeln noch in ein lineares Schwarz-Weiß resp. Gut-Böse Denken. Terroir ist systemisch, Komplex, voller Widersprüche, Kompromisse und unterschiedlicher Visionen. Terroir ist die Chance, aus dem monokausalen Dampfmaschinendenken auszubrechen und Wein als einen genussvollen Emanzipationsprozess zu begreifen.

 

 Slow Wine. Sie haben an der letzten Tagung des Winzernetzwerks „Vignerons d'Europe“ teilgenommen. Dort stand die Frage an: Was ist eigentlich ein Wein im Sinne der Slow Food-Bewegung, wie arbeitet ein Winzer, der diesem Ideal folgen will? Was sollte Slow Food bei der Beantwortung dieser Fragen beachten?

Die Ökobewegungen Europas sind immer noch stark vom antiindustriellen Zeitgeist der 70er und 80er Jahre geprägt. Natur ist Gut und Gesund, Chemie ist schlecht und giftig. Es ist eine große Errungenschaft von slow food, diese Kindergartendenke immer wieder in Frage zu stellen. Es geht um das Zulassen von Begriffen wie Nachhaltigkeit, carbon footprint, Authentizität, Fair Trade, Sehnsucht nach Spiritualität, Kulturelles Erbe, Ausbeutung und Selbstausbeutung sowie Persönlichkeits-entwicklung der prozessbeteiligten Individuen. Alles Antipoden eines cocacolaisierten Industriewein. Ein „slow wine“ muss hier Stellung beziehen. Aber nicht mit Moralgesülze sondern mit Fakts auf der Handlungsebene und mit ehrlicher Information.

 

 Rolle der Weinkritik. Ein guter Wein braucht Zeit zur Entwicklung. Wir trinken heute generell Weine zu jung und die Weinkritik fällt ihre Urteile viel zu früh, nämlich nur wenige Wochen nach der Abfüllung. Wir wissen eigentlich nicht wirklich, wie gut (oder wie schlecht) unser Wein ist. Ist solcherlei Weinkritik nicht per se obsolet und reines Marketingvehikel? Wie könnte ein System zur angemessenen Weinbeurteilung aussehen?

Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist. Eine Punktebewertung von Supermarktweinen mit der Frage: Wer gibt mir für ein paar Monate lang am meisten Geschmack für unter 5,00 € macht Sinn. Insbesondere wenn der „Geschmack“ am Otto Normalverbraucher orientiert ist. Wie etwa „jungendlich-knackig-Kohlensäure-Primärfrucht“ beim Weißwein oder „Partylaune-unkompliziert-vollmumdig-fruchtig-saftig“ beim Rotwein. Ganz anders bei Kulturgütern. Wenn sich hier die Beurteilung am Massengeschmack kalibrieren würde stünden nicht die Werke Shakespeares, die Musik Mozarts und die Filme Jean Luc Godards auf dem Siegertreppchen sondern Simmel, Bohlen und das Dschungelcamp. Terroirweine verlangen nach einer kritischen Würdigung in jeweiligen kulturellen Kontext. Stimmen Form und Inhalt, stimmen Prospekt und Wirklichkeit überein? Gibt das vorgestellte „System Wein“ eine Antwort auf die drängenden Fragen des Zeitgeistes? Und wenn welche… So kann sich der Leser zu dem einen oder anderen Wein hingezogen fühlen und auf Entdeckungsreise gehen.

 

 VDP – wie weiter? Als Mitglied des Präsidiums des VDP, des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter, der im letzten Jahr den hundertsten Geburtstag feierte, beeinflussen Sie dessen Politik. Was Ziele streben Sie an und welche Wünsche haben Sie für die Zukunft des VdP?

Selten, dass ein Verband bei der Feier seines 100. Geburtstag feststellt, dass die Problemstellung sich seit seiner Gründung gleich geblieben ist: Was ist ein natürlicher Wein, welche Errungenschaften der Moderne sind eine wertvolle Hilfe zur Vinifikation hochwertiger Weine? Wo verlassen wir die Pfade der Tugend und opfern wir ein göttliches Getränk auf dem Altar der Industrialisierung? Die VDP-Mitglieder haben sich positioniert: Die sog. „neuen oenologischen Verfahren“ sind tabu. Und mit der Lagenklassifikation bereitet der VDP nach Jahrzehnten der Öchslediktatur den Weg zur Entdeckung der Einzigartigkeit unserer traditionellen Weinberge. VDP goes Terroir. Ein spannender Weg!

 

 Kulinarische Kultur – untergegangen im Abendland?
In Japan übt man höchste Achtung vor dem Produkt bei gleichzeitiger Askese. Höchstdekorierte Restaurants sind meist recht frugal ausgestattet. Bei uns ist es eher umgekehrt: Restaurants mit Plüsch, Pomp und Popanz bieten oft nur mäßigen Essgenuss. Verkommt die unsere kulinarische Kultur zur Spielwiese der Event-Industrie? Wie könnte man stattdessen zur Anstrengung des Geschmacks ermuntern?

Na ja … Das ist mir zu plakativ. Ob Abend- oder Morgenland, of heute oder früher. „Kulinarische Kultur“ ist 1. ein Begriff, in den alles Mögliche projiziert wird, ist 2. eine Frage der Lustfeindlichkeit der jeweiligen Religion/Ideologie und 3. eine Funktion von Wohlstand. Wer hat, der hat? Heute eher weniger, wie wir tagtäglich beobachten. Aber immer mehr, wenn wir z.B. erleben, wie sich als Gegenbewegungen zu standardisierten Nahrungsmitteln eine immer stärkere Sehnsucht nach authentischen Produkten entwickelt. Dieses Bedürfnis aufzugreifen ist eine der großen Aufgaben von slow-food.

 

Volxwein? Eine breit aufgestellte lebendige und im kulinarischen Alltag des Volkes verwurzelte Weinkultur gibt es in Deutschland nicht. Die Neuausrichtung der Weinkritik in Italien zeigt wie wichtig der Slow Food-Bewegung das Thema ist. Einen ehrlichen und anständigen Wein fordern auch Sie. Brauchen wir den Alltagswein?

Diese Frage birgt semantische Fallen. Spielt ein MP3-Player „ehrliche und anständige Musik“. Wer die Frage mit „ja“ beantwortet findet im Supermarkt – dem industriellen Fortschritt und der Globalisierung sei’s gedankt – Jahr für Jahr immer mehr gut schmeckende und nach den Regeln der Schulmedizin bekömmliche Weine.
Wer einen „anständigen“ Wein so definiert, dass er zwar aus etwas höheren Erträgen und nicht unbedingt im teuren Barrique gereift aber ansonsten im Grunde alle möglichen kulturellen Segnungen hat und dann trotzdem nur ein paar Euro kostet, der lebt auf dem falschen Planeten. Der leider auch in slow-food-Kreisen beliebte Spruch: „Guter Wein muss nicht teuer sein“ ist für die Verbraucher eine populistische Nebelkerze und für die Winzer der Aufruf zu brutaler Ausbeutung von Mensch und Natur.
 

Riesling ade? Das Klima ändert sich. Wie, wissen wir noch nicht. Schon jetzt hört man oft den Abgesang auf klassische Rebsorten wie den Riesling. Wie stellt sich das Problem dar aus Ihrer Sicht?

Durch den Rückgang der seit dem 15 Jahrhundert klimaprägenden kleinen Eiszeit haben wir langsam wieder die „normalen“ Verhältnisse des Hochmittelalters. Stand in vergangenen Jahrhunderten in den nördlichen Regionen die Frage ob die Trauben überhaupt reif genug werden im Vordergrund, können wir heute kontinuierlich aus dem Vollen schöpfen und uns den wirklich spannenden Fragen wie dem Erkennen und Herausarbeiten von unterschiedlichen Geschmacksprofilen unserer Weinberge widmen. Sollte es – gegen alle Erfahrung - mit der Erwärmung linear so weitergehen wie in den letzten 25 Jahren, werden wir irgendwann einmal auf unseren Terrassen Syrah pflanzen. Und wenn wir dann nicht nur die Reben sondern auch noch das Preisniveau der Côte Rôtie übernehmen wären wir an der Mosel viele Sorgen los.

 

 Überleben als Winzer? Viele Winzer, egal ob groß oder klein, renommiert oder nicht, müssen trotz des unbestreitbaren Zugewinns an Qualität in Deutschland ums Überleben kämpfen. Gleichzeitig wird Industriewein besser, trifft zumindest genauer den Publikumsgeschmack, kommen neue Weinbaunationen in fast allen Teilen der Welt auf den Markt. Dabei gibt es schon jetzt eine Überproduktion. Was kann, was soll geschehen, damit Weinbau in Deutschland überlebt?  

Die weitaus überwiegende Zahl der bäuerlichen Weinbaubetriebe Europas haben die letzten 100 Jahre nicht deshalb überlebt, weil sie ökonomisch am Puls der Zeit produziert hätten sondern auf Grund politisch motivierter staatlicher Transferleistungen. Seit einigen Jahren nun entwickelt sich auch in der Weinszene ein „ganz normaler Kapitalismus“. Weltweit wird Wein immer mehr dort produziert, wo billige Löhne und geringes Öko- und sonstiges Bewusstsein niedrige Produktionskosten garantieren. In diesem Szenario wird der Weinbau in Deutschland dort überleben, wo er neben dem „guten Geschmack“ die kulturellen Dimensionen im Fokus hat. Nach allen Regeln deutscher Ingenieurskunst einfach nur „gut schmeckenden Wein“ zu produzieren ist zunehmend ein viel zu teurer Anachronismus. Die Zukunft des deutschen Weinbaus liegt dort, wo im Spannungsfeld von Weinberg, Rebe, Klima und den Visionen kreativer Winzern authentische, individuelle Kulturgüter heranreifen.